Charlotte Elisheva Fonrobert
Eine Mikwe für Feministinnen
[English]
In den letzten Jahren spielte die Mikwe - das rituelle Tauchbad
- eine immer größere Rolle im jüdisch-feministischen Diskurs in den USA,
besonders seitdem konservative und Reform-Synagogen anfingen, ihre eigenen
Mikwen zu bauen. (Siehe "Mikveh Mania", Jerusalem Report, 10.9.2001, oder
"Coming of Age: The Growth of the Conservative Mikveh Movement," United
Synagogue Review 54:1, Herbst 2001) In früheren feministischen
Auseinandersetzungen wurde das Thema der Mikwe meist ignoriert, da das Tauchbad
weder eine öffentliche noch kollektive Einrichtung ist, zumindest nicht in
demselben Sinn wie die Synagoge oder die Jeschiwa. Trotzdem ist sie eine
Gemeindeinstitution und war historisch gesehen mindestens ebenso wichtig. Nach
jüdischem Gesetz hat der Bau eines rituellen Tauchbades sogar noch Vorrang vor
der Errichtung einer Synagoge.
Die Hauptfunktion der Mikwe gilt dem jüdischen Eheleben,
zumindest seit der Zerstörung des Tempels und der damit einhergehenden Aufhebung
der rituellen Reinheitsvorschriften für das Heiligtum. Entsprechend den
jüdischen Gesetze, die sich in diesem Fall aus der Bibel ableiten (Lev. 15 und
18:19 bzw. 20:19), darf ein jüdisches Ehepaar während der Menstruation der Frau
keinen Sex haben. Im rabbinischer Terminologie wird die Frau, die ihre Regel
hat, als Nidda bezeichnet. Etymologisch hergeleitet von n-d-d =
"fliehen", oder n-d-h = "fortjagen", beschreibt das Wort aller
Wahrscheinlichkeit nach den physiologischen Vorgang des Blutvergießens und nicht
die soziale Ausgrenzung der Frau innerhalb ihrer Familie oder ihrem weiteren
sozialen Umfeld. Auf jeden Fall läßt sich nicht nachweisen, daß eine solche
soziale Ausgrenzung biblisch oder rabbinisch je stattgefunden hat. Sieben Tage
nach dem Ende der Blutung soll die Ehefrau zur Mikwe gehen und nach genauen
rituellen Vorschriften im Wasser untertauchen. Erst nach diesem Tauchbad dürfen
die Eheleute wieder miteinander schlafen. Ohne Mikwe also keine Kinder.
Auch Menschen, die zum Judentum übertreten, müssen im
Mikwe-Wasser untertauchen. Darüber hinaus benutzen in einigen Gemeinden auch
jüdische Männer bei besonderen Gelegenheiten die Mikwe, wie z.B. chassidische
Männer vor den Feiertagen und manchmal sogar regelmäßig freitags vor dem Beginn
des Schabbat. Letzteres ist jedoch nur Brauch und nicht halachisch
vorgeschrieben.
In jüngster Zeit gibt es eine wachsende halachische
Populärliteratur, die die "Familienreinheit" (taharat ha-mischpachah) beschwört.
Dieser - übrigens erst im 19. Jahrhundert in den halachischen Diskurs
eingeführte - Begriff führt jedoch in die Irre, denn in erster Linie geht es bei
den Menstruationsgesetzen um sexuelle Disziplin und nicht um rituelle
Un/Reinheit. Letztere bezog sich ja primär auf den Tempel. Außerdem ist durch
die Menstruation der Frau nur der Sex des Ehepaares betroffen, nicht aber die
ganze Familie. Vielleicht aus orthodoxer Angst vor Assimilation und
Identitätsverlust in der modernen Gesellschaft besonders nach der Schoa, hat
sich der Begriff trotzdem im traditionellen Sprachgebrauch verankert. Immerhin
schreibt er der Frau einen Großteil von Verantwortung bei der Bewahrung
jüdischer Identität und Praxis zu.
Vor diesem Hintergrund stellt sich nun die Frage, ob die Mikwe
also eine Fraueneinrichtung ist oder sein könnte, und welchem Sinne sie das
wäre? Historisch gesehen sind Frauen, soweit wir das beurteilen können, zwar
meist in die Mikwe gegangen. Doch ob sie dies aus den Gründen taten, die in der
männlich-halachischen Literatur vorgegeben sind, läßt sich nicht mehr
nachforschen, da es so gut wie keine historischen Texte jüdischer Frauen über
deren eigene religiösen Anschauungen gibt. In der gegenwärtigen jüdischen
Frauenliteratur argumentieren Traditionalistinnen, daß die Mikwe nicht nur eine
gesunde Ehe garantiere, indem sie die Phasen der sexuellen Abstinenz und
Zuwendung reguliere. Vielmehr böte die Mikwe auch einen wichtigen Rahmen für das
seelische und religiöse Leben einer jüdischen Frau: "Durch die Mikwe bringt sie
sich in unmittelbaren Kontakt mit der Quelle des Lebens, der Reinheit, und der
Heiligkeit - mit dem Gott, der sie umgibt und der immerfort in ihr weilt".
(Rivkah Slonim, Hrsg. "Total Immerison: A Mikvah Anthology", 1995, S. 36)
Die Mikwe sei ein Mittel zur Identifikation mit jüdischen Frauen der
vorangegangen Generationen. (S. 227) Konservative und Reform-Jüdinnen hingegen
stellen die Frage, ob die Mikwe überhaupt in den Kategorien des Sexualtabus bzw.
der Reinheit und Unreinheit gesehen werden muß. Biete sich nicht gerade die
Mikwe für die Entwicklung neuer Riten besonders für Frauen an? Beispielsweise
als ritueller Aspekt des Heilungsprozesses nach Krankheiten, Operationen,
Fehlgeburten oder der psychologischen Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen
wie sexueller Mißbrauch, Vergewaltigung, Scheidung oder Tod.
(Laura Levitt und Sue Ann Wasserman, "Mikvah Ceremony for Laura", in:
"Four Centuries of Jewish Women's Spirituality: A Sourcebook", hg. Ellen
Umansky und Dianne Ashton, 1992) Neuerdings benutzen Frauen die Mikwe auch am
Ende oder Anfang eines Lebensabschnittes als Symbol für einen emotionalen
Neubeginn. So sind etwa einige angehende Rabbiner/Innen am Jewish Theological
Seminary in New York vor ihrer Ordination im Mai 2001 in die Mikwe gegangen.
Anita Diamant, Autorin des populären Romans "The Red Tent", und andere
Frauen haben in Boston begonnen, für eine "progressive" Mikwe zu werben. Neben
der traditionellen Funktion soll diese Mikwe eine Kombination von Heilbad,
Beratungs- und Bildungszentrum für die Gemeinde werden.
Solche Umdeutungen der Mikwe zugunsten der Interessen und
Lebensumstände von Frauen mögen zwar nicht mehr viel mit der traditionellen
Mikwe-Definition in der meist von Männern produzierten halachischen Literatur zu
tun haben. Aber gerade deshalb hat die gegenwärtige Mikwe-Bewegung einen
wichtigen Weg kultureller Erneuerung eingeschlagen, den Frauen offensichtlich
mitbestimmen.
Charlotte Elisheva Fonrobert ist Autorin von "Menstrual
Purity. Rabbinic and Christian Reconstructions of Biblical
Gender" (2000)
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