Rochelle Allebes
Gewalt in der jüdischen Familie
[English]
Die jüdische Familie - Mythos und Realität lautete der Titel
der 2. Bet Debora Tagung. Es drehte sich vieles um dazugehören oder
ausgeschlossen werden, um Definitionsmacht darüber, wer jüdisch ist und wer
(noch) nicht. Die grosse jüdische Gemeinschaft und die kleine jüdische Familie
wurden als sehr begehrenswerte Orte dargestellt. Verständlich, dass bei soviel
Begehren wenig Platz für eine andere Realität, die der Gewalt in der jüdischen
Familie, war.
Laut amerikanischen Untersuchungen ist es wahrscheinlich, das
Gewalt in jüdischen Familien soviel vorkommt als in anderen Familien. Ein
Unterschied besteht darin, dass jüdische Frauen seltener und weniger schnell
Hilfe von aussen suchen. Sie bleiben 5 bis 7 Jahre länger in Beziehungen, in
welchen sie Gewalt erleiden. Die starken Mythen um die jüdische Familie spielen
dabei eine grosse Rolle.
Die Mythen.
Ein starkes, prägendes Bild ist das des Shalom Bayit, des
häuslichen Friedens. Frauen und Mütter fühlen sich für diesen Frieden sehr
verantwortlich. Wenn er nicht zu realisieren ist, wie sie sich das vorstellen
oder auch gelernt haben, fühlen sie sich schuldig, schämen sich und sehen sich
als schlechte Frauen und Mütter.
Jüdische Familien werden auch durch die nicht jüdische
Aussenwelt als warm, verbunden und friedlich wahrgenommen. Es ist schwierig, mit
einer Gewaltproblematik nach aussen zu treten und alle diese inneren und
äusseren Bilder und Erwartungen zu zerstören. Ausserdem bringt frau so eine
Schande (shanda) über die Familie.
Ein anderer starker Mythos ist der des sanften, friedfertigen
und eher passiven jüdischen Mannes. Wenn sich im Alltag dieses Bild in ein
Schreckensszenario verwandelt, muss es auch auf verschiedene Ebenen bekämpft
werden. Es dauert lang, bis eine Frau das Verhalten ihres Mannes als gewalttätig
definiert. Zuerst wird sie alle mögliche Erklärungen und Entschuldigungen
vorbringen und akzeptieren, oft ist sie auch bereit die Ursache für die Gewalt
bei sich selber zu suchen. Meistens fängt Gewalt in einer Beziehung nicht mit
körperlicher Gewalt an, sondern mit Kontrolle (über Geld, wo die Frau hingeht,
mit wem sie Kontakt hat), Isolierung (verhindern von Aussenkontakten, Verbot,
Kurse zu besuchen) und Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit (u.a. mittels
Auferlegen von sog. religiös begründeten Ge-und Verboten). Am Anfang kann dieses
Bedürfnis des Mannes, seine Frau zu kontrollieren sich als ritterliches
Verhalten tarnen: Er begleitet sie überall hin, bringt und holt sie... Erst wenn
sie das erste Mal wieder etwas alleine machen möchte, ist die Hölle los. Wenn
die Frau in diesem Moment nicht an ihren Wünschen und Bedürfnissen festhält
sondern versucht, ihren Mann zu verstehen und ihm nachgibt, hat sie
möglicherweise einer schleichenden Gewaltspirale in ihrer Ehe die Tür geöffnet.
Vor allem für eine unerfahren Frau ist es schwierig zu
formulieren, was in ihrer Beziehung abläuft, bis sie zum ersten Mal geschlagen
wird : Schlagen passt nicht in ihr Bild einer Ehe. Es können aber jahrelang
andere Formen von Misshandlung und Missbrauch im Spiel sein, bevor es so weit
kommt.
Der letzte Mythos ist das Selbstbild der Frau. Oft ist es das
Bild einer starken, gebildeten Frau, die den Alltag ihrer Familie in den Griff
hat. Eine Frau, die Verantwortung für das Wohlergehen aller ihrer Angehörigen
trägt, ob sie ausserhaus noch arbeitet oder nicht.
Auch dieses Selbstbild kommt in einer Wechselwirkung von
Zuschreibungen von aussen und innen zustande, die sich gegenseitig verstärken.
Es ist nicht leicht, sich und anderen einzugestehen, dass dieses Bild nicht
stimmt, zugeben zu müssen, das sie sich in dem Mann getäuscht hat, den sie als
Partner und Vater ihrer Kinder gewählt hat (oder der für sie gewählt wurde).
Selbstrespekt und Selbstvertrauen werden durch das manchmal
jahrelange Leben in einer von Erniedrigungen und Gewalt geprägten Beziehung
untergraben. Diese Verunsicherung wiederum macht es schwierig, nach aussen zu
treten und Hilfe zu suchen. So laufen viele Frauen Gefahr, immer passiver eine
sich langsam eskalierende Lebenssituation zu erdulden. In vielen Fällen fühlen
sich Mütter erst zum handeln gezwungen, wenn sie sehen, dass auch ihre Kinder,
direkt oder indirekt, betroffen sind.
Als Formen innerfamiliärer Gewalt gegen Kinder werden allgemein
folgende Unterscheidungen gemacht: körperliche und psychische Gewalt, sexuelle
Ausbeutung und Vernachlässigung. Alle diese Formen kommen, laut Untersuchungen
aus den USA, auch in jüdischen Familien vor. Vermutet wird, dass psychische
Gewalt (Gewalt mit den Händen auf dem Rücken) in jüdischen Familien häufiger
ist als körperliche Gewaltausübung.
Gibt es spezifische gefährdende Faktoren in diesen Familien? Es
gibt solche Faktoren, obwohl sie nicht immer nur für jüdische Familien gelten.
Es ist bekannt, dass es für viele Überlebende des zweiten
Weltkriegs sehr schwierig war, ihre Aufgaben als Eltern gut genug zu erfüllen.
Nicht selten arteten ihre Erziehungsschwierigkeiten in Formen von emotionaler
aber auch körperlicher Misshandlung aus. Einige Kinder der sog. 2. Generation,
die Kinder des Holocaust haben diese Familien aus ihrer Sicht beschrieben.
Weil sie als Kinder sehr viel Verständnis für ihre Eltern haben (mussten!), muss
man zwischen den Zeilen lesen um zu sehen, dass sie nicht selten von
Misshandlungssituationen berichten.
Die Palette ist sehr breit: Kinder, die nie jemand mit nach
Hause nehmen oder in anderen Familien gehen durften Eltern, die so ängstlich
waren, dass sie ihren Kindern jegliche Bewegungsfreiheit zu unterbinden
versuchten Eltern, die dauernd über ihre Kriegserfahrungen erzählten oder, im
Gegenteil, Eltern die nicht imstande waren ihren Kindern zu erzählen, wieso
keine Verwandte mehr da waren Eltern, die ihre Kinder mit Methoden bestraften,
die sie im KZ erlebt hatten (von die Kinder anbrüllen, extrem disziplinieren bis
zum Peitschen). Die so geschädigte Kinder der 2. Generation haben es wiederum
sehr schwer, ihren Kindern zu geben, was sie selber nie bekommen haben.
(Um Missverständnisse vorzubeugen muss ich anfügen, dass ich
sicher nicht der Meinung bin, dass die ganze 2. Generation traumatisiert ist.)
Wenn Juden in einer Umgebung leben, in der sie eine
Minderheitsgruppe sind oder sogar die einzige jüdische Familie, sind auch
gefährdende Faktoren vorhanden. Kinder werden z.B. gezwungen, sich immer perfekt
zu benehmen oder ihre jüdische Identität geheim zu halten. Diese Kinder stehen
durch die Angst, sich und die Eltern zu gefährden unter Druck. Die Angst der
Eltern erzeugt in diesen Familien immer wieder eine Spannung, die einen
Nährboden für Ausschreitungen bilden kann.
Stressfaktoren, zu viele Belastungen im Alltag, sind eine
allgemein bekannte Gefährdung. Familien mit vielen Kindern, in zu engen
Wohnverhältnissen, mit Geldsorgen, sind mit der Alltagsbewältigung schnell
überfordert. Die Kinder müssen früh stark diszipliniert werden und Verantwortung
übernehmen, die ihrem Alter nicht entspricht. Mütter in solchen Familien sind
oft dauernd überfordert,beide Eltern verlieren schnell einmal die Geduld.
Die speziellen jüdische Nottelefondienste in den USA berichten
von einer deutlich erhöhten Anzahl der Notrufe um die jüdischen Feiertage.
Eine chronisch konflikthafte Paarbeziehung ist ein anderer
bekannte Stressfaktor, der eine Gefährdung für das Kindeswohl darstellt. Auch
ohne direkte Gewalt den Kindern gegenüber ist sie für diese sehr belastend.
Die religiösen und traditionellen Vorschriften und Gebräuche
können in der Familie missbraucht werden, um Kontrolle auszuüben, zu drohen und
Frauen und Kinder unnötig in ihrer Bewegungs-und Verhaltensfreiheit einzuengen.
Es kommt bekanntlich vieles auf die Auslegung dieser Vorschriften an, und in der
Torah lässt sich immer ein Abschnitt finden, der die eigene Haltung unterstützt.
Shabbat und Feiertage können so zu Horrormomenten für die
Familie werden.
Wenn eine Frau sich überlegt wegzugehen, kann ihr Mann drohen,
ihr keinen Get zu geben. Die ganze Problematik um den Get ist eine Form
struktureller Gewalt, die die Situation von betroffenen Frauen noch
verschlimmert.
Die Position von Frauen im Judentum birgt mehrere Aspekte in
sich, die das Dulden von Misshandlungen fördern.
Eine Frau zählt erst wirklich mit, wenn sie verheiratet ist.
Alle Rituale, in welchen Frauen eine Rolle spielen, beziehen sich auf Frauen in
der Familie. Der Status einer Single (und das gilt auch für single Männer) oder
einer geschiedenen Frau ist im Rahmen einer jüdischen Gemeinde nicht einfach.
Die Rolle der Frau im Judentum spielt sich beinahe
ausschliesslich innerhalb der Familie ab. In der Synagoge ist sie, ausser in den
liberalen Gemeinden, meistens nicht aktiv am Gottesdienst beteiligt und schon
rein von der Architektur her eher geduldet als erwünscht. Das heisst, dass eine
jüdische Frau ihre Religiosität erst wirklich als verheiratete Frau und Mutter
leben kann. Dieser Status ist für Frauen deshalb sehr wichtig und gibt Männern
viel Macht über Frauen. Es braucht persönliche Stärke, Mut und die Unterstützung
anderer Frauen, um diese starken Prägungen zu überwinden.
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Gewaltprävention in der jüdischen Gemeinschaft sollte sich,
aufgrund oben erwähnter Erkenntnisse, u.a. mit folgenden Themen befassen:
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Die Problematik um den Get: Hier liegen schon einige Lösungsmodelle
vor...
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Rabbiner und andere wichtige Vertrauenspersonen in den Gemeinden müssen
geschult werden, Anzeichen von Gewaltsituationen in Familien wahrzunehmen. Sie
müssen lernen Frauen, die über solche Situationen berichten, ernst zu nehmen und
mit diesem Thema so umzugehen, dass betroffene Familien nicht unnötig leiden.
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Der Zwang, viele bis zu viele Kinder zu bekommen, müsste stark
relativiert werden. Die vorhandene Ressourcen eines Paares, sowohl materielle
als auch emotionale und konstitutionelle, sollten eine grosse Rolle spielen.
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Es müssten niederschwellige, telefonische, ambulante und stationäre
Möglichkeiten vorhanden sein, die Beratung und konkrete Hilfe anbieten können.
Diese Hilfe müsste unkompliziert und anonym, sowohl für Frauen als auch für
Paare und Familien zugänglich sein. Der Ort solcher Stellen sollte neutral,
d.h. nicht innerhalb einer Gemeinde sein und die MitarbeiterInnen sollten nicht
von irgendeiner Gemeinde kontrolliert werden.
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Prävention von Gewalt ist auch, wenn Frauen und Männer offene Ohren und
Augen haben und hilfsbereit sind, wenn im eigenen Umfeld eine Familie in
Schwierigkeiten ist und Entlastung braucht.
Die jüdische Gemeinschaft kann sowohl ein Ort von sozialer
Kontrolle und so eher gefährdend als auch ein Ort von sozialer Unterstützung und
Offenheit sein. Dann trägt sie aktiv dazu bei, dass Schwierigkeiten in Familien
nicht bis zu Gewalt eskalieren müssen und dass Opfer von Gewalt schneller Hilfe
bekommen. Eine gute Integration von jetzt eher Aussenstehenden wie Menschen, die
single, geschieden, mit nicht jüdischem Partner zusammen, lesbisch oder schwul
sind, wäre ebenfalls ein wichtiger Beitrag. Wenn leben in einer Familie eine
frei wählbare Form unter anderen Möglichkeiten ist und es für jede und jeden
innerhalb einer Gemeinschaft oder Gemeinde möglich ist, wirklich dazu zu
gehören, muss der Ausstieg aus einer privaten Gewaltsituation nicht mehr so
teuer bezahlt werden.
Die erwähnte Untersuchungen:
Pamela Druckerman: Domestic Violence
Among Jews, in The Jewish Advocate, 1994;
Betsy Giller, Ellen Goldschmidt: All in
the Family: A Study of Intra-Familial Violence in the Los Angeles Jewish
Community, University of Southern California and Hebrew Union College,
1980;
What is Family Violence?
Study by the Jewish Family Service in Fort Lauderdale, Florida, 1994.
Rochelle Allebes, geboren 1951 in Leiden (Niederlanden), lebt
heute in Zürich und ist Sozialarbeiterin, Supervisorin und Therapeutin. Zunächst
Mitarbeit in einem Frauenhaus und seit elf Jahren im Elternnotruf, einer
privaten Institution mit einem Beratungs- und Therapieangeboten bei familiärer
Gewalt und Erziehungsproblemen. Aktive Auseinandersetzung mit jüdischer
Identität, Judentum, Grenzen und Möglichkeiten in der Einheitsgemeinde.
Verheiratet, zwei Söhne (14 und 10). Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. zu
Erziehungsthemen und Gewalt in der Familie.
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